Ein Jubiläum ohne Grund zum Feiern
Am 10. Februar 2026 jährt sich die Einführung des Behindertengleichstellungsgesetzes zum 20. Mal. Was einst als Meilenstein im Kampf gegen Diskriminierung gefeiert wurde, hat sich für viele als enttäuschende Realität entpuppt. Trotz der hehren Ziele des Gesetzes, das Diskriminierung von Menschen mit Behinderung verhindern sollte, zeigt sich heute ein ernüchterndes Bild.
Unternehmen kaufen sich von Verantwortung frei
Fritz Pöltl, Fraktionsführer der FCG-ÖAAB Fraktion in der Arbeiterkammer Wien, schlägt Alarm: „Zwei Drittel der Unternehmen entziehen sich ihrer sozialen Verantwortung und nutzen das Potenzial von Menschen mit Behinderung nicht“, erklärt er mit Nachdruck. Diese Aussage ist nicht nur eine Anklage, sondern auch ein Weckruf an die österreichische Wirtschaft.
Doch was bedeutet es eigentlich, sich „frei zu kaufen“? Unternehmen können in Österreich eine Ausgleichstaxe zahlen, um die gesetzliche Verpflichtung zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung zu umgehen. Diese Praxis führt dazu, dass viele Unternehmen lieber zahlen, als sich aktiv um die Integration von behinderten Menschen zu bemühen. Eine verpasste Chance für beide Seiten.
Die historische Entwicklung des Gesetzes
Das Behindertengleichstellungsgesetz wurde 2006 eingeführt, um die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen und die Rechte von Menschen mit Behinderung zu stärken. Ziel war es, Barrieren abzubauen und Chancengleichheit zu fördern. Doch wie oft in der Geschichte, bleibt die Umsetzung hinter den Erwartungen zurück. Viele erinnern sich an die Euphorie der ersten Jahre, als man glaubte, dass ein neues Zeitalter der Inklusion begonnen habe.
Vergleich mit anderen Bundesländern
Ein Vergleich mit anderen Bundesländern zeigt, dass die Situation in Wien kein Einzelfall ist. In Bundesländern wie Niederösterreich und der Steiermark sieht es ähnlich aus. Auch hier ist die Zahl der Unternehmen, die sich ihrer Verantwortung entziehen, alarmierend hoch. Ein Lichtblick hingegen ist Vorarlberg, das durch gezielte Förderprogramme und eine enge Zusammenarbeit mit Behindertenverbänden positive Entwicklungen verzeichnen kann.
Konkrete Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen
Die Folgen dieser Entwicklung sind für die Betroffenen gravierend. Menschen mit Behinderung finden schwerer einen Arbeitsplatz, was nicht nur zu finanziellen, sondern auch zu sozialen Schwierigkeiten führt. Die gesellschaftliche Isolation und das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, sind für viele belastend. „Es ist frustrierend, immer wieder zu hören, dass man nicht ins Team passt“, berichtet ein Betroffener, der anonym bleiben möchte.
Experten fordern mehr Sensibilisierung
Die FCG-ÖAAB-AK Fraktion fordert daher eine stärkere Sensibilisierung für das Thema. Es braucht Anreize, um Unternehmen dazu zu bewegen, Menschen mit Behinderung nicht nur als Last, sondern als wertvolle Personalressource zu sehen. „Es wäre eine Win-win-Situation für alle Beteiligten“, betont Pöltl. Seine Forderung: Unternehmen sollen nicht aus der Pflicht entlassen werden, sondern aktiv in die Integration investieren.
Statistiken und Zahlen: Ein ernüchterndes Bild
Statistiken untermauern die Kritik: Während die Arbeitslosenquote bei Menschen ohne Behinderung bei rund 5 Prozent liegt, ist sie bei Menschen mit Behinderung mehr als doppelt so hoch. Diese Zahl zeigt, dass trotz gesetzlicher Regelungen noch viel Luft nach oben ist.
Zukunftsausblick: Was muss sich ändern?
Für die Zukunft fordert Pöltl nicht nur eine Anpassung der gesetzlichen Regelungen, sondern auch eine gesellschaftliche Umwälzung. Die Sensibilisierung in der Bevölkerung müsse gestärkt werden, um Vorurteile abzubauen. Zudem sollten Unternehmen, die sich aktiv für die Integration einsetzen, belohnt werden. „Es braucht eine Kultur des Miteinanders, die Menschen mit Behinderung als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkennt“, so Pöltl.
Ein weiterer Schritt könnte die Einführung von Quoten sein, die Unternehmen verpflichten, einen bestimmten Prozentsatz an Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Diese Maßnahme ist in anderen Ländern, wie etwa Deutschland, bereits erfolgreich umgesetzt worden.
Politische Zusammenhänge und Abhängigkeiten
Die Umsetzung solcher Maßnahmen hängt jedoch stark von der politischen Landschaft ab. In Österreich gibt es immer wieder Diskussionen über die Finanzierung und die Prioritätensetzung im Sozialbereich. Die aktuellen Sparmaßnahmen treffen oft gerade die Schwächsten der Gesellschaft. Hier sind die politischen Entscheidungsträger gefordert, klare Prioritäten zu setzen und die nötigen Mittel bereitzustellen.
Fritz Pöltl appelliert an die Politik, nicht nur leere Versprechungen zu machen, sondern konkrete Schritte zu unternehmen. „Es geht um die Zukunft von Menschen, die ebenso ein Recht auf ein erfülltes Leben haben wie jeder andere auch“, mahnt er.
Ein Appell an die Gesellschaft
Am Ende bleibt die Frage, wie wir als Gesellschaft mit diesem Thema umgehen. Die Verantwortung liegt nicht nur bei den Unternehmen oder der Politik, sondern bei jedem Einzelnen. Es braucht ein Umdenken, das Menschen mit Behinderung nicht mehr als Ausnahme, sondern als selbstverständlichen Teil unserer Gemeinschaft sieht.
Der 20. Jahrestag des Behindertengleichstellungsgesetzes sollte daher nicht nur ein Anlass sein, um auf Missstände hinzuweisen, sondern auch um zu reflektieren, welche Schritte notwendig sind, um die nächsten 20 Jahre erfolgreicher zu gestalten.